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Bedingte Wahrscheinlichkeit, Multiplikationssatz und unabhängige Ereignisse

Die bedingte Wahrscheinlichkeit ist die Chance auf A, wenn wir schon wissen, dass B eingetreten ist. Wir streichen alle Ergebnisse außerhalb von B und zählen neu: P(A|B) = P(A ∩ B) ÷ P(B). Umgestellt ergibt das den Multiplikationssatz P(A ∩ B) = P(B)·P(A|B). Ändert das Wissen über B die Chance auf A nicht, sind die Ereignisse unabhängig und es gilt P(A ∩ B) = P(A)·P(B).

🎬 Geschichte Schritt für Schritt

  1. Zwei Würfel ergeben 36 Felder. Jedes Feld ist ein Ergebnis, und alle sind gleich wahrscheinlich.
  2. Ereignis A = "Augensumme ist 8". Es umfasst 5 Felder, also P(A) = 5/36.
  3. Jemand sagt uns: "Würfel 1 ist gerade" (Ereignis B). Nur noch 18 Felder bleiben übrig. 3 davon gehören zu A. Also P(A|B) = 3/18.
  4. Multiplikationssatz: P(A und B) = P(B) × P(A|B) = 18/36 × 3/18 = 3/36.
  5. Unabhängig: "Würfel 1 gerade" und "Würfel 2 ist 5 oder 6". Das Wissen über das eine ändert das andere nicht: P(A|B) = P(A).
  6. Freies Spiel: Wähle zwei beliebige Ereignisse, schalte "Gegeben B" ein und prüfe, ob sie unabhängig sind.

Tipp: Zieh die 3D-Szene, um sie zu drehen. Mit zwei Fingern zoomst du.

🤔 Häufige Zweifel, geklärt

Warum teilen wir durch P(B) und nicht durch 1?

Sobald B bekannt ist, ist B die ganze Welt. Seine Gesamtchance P(B) übernimmt die Rolle der 1, also messen wir A∩B als Teil von B. Im 3D fallen die Nicht-B-Felder weg.

Warum ist P(A|B) größer oder kleiner als P(A)?

Die Nachricht entfernt Ergebnisse. Entfernt sie mehr "nicht A"-Felder als A-Felder, steigt der Anteil von A; sonst sinkt er. Hier ist P(A) = 5/36 ≈ 0.14, aber P(A|B) = 1/6 ≈ 0.17.

Woher kommt der Multiplikationssatz?

Multipliziere einfach P(A|B) = P(A∩B)/P(B) mit P(B). Zuerst B wählen (18/36), dann A innerhalb von B (3/18): 3/36.

Wie kann ich Unabhängigkeit sehen?

Nach der Nachricht bleibt der Anteil von A gleich. Im 3D füllt A vorher die Hälfte des Rasters und nachher die Hälfte der übrigen B-Felder.

Sind "Summe = 7" und "Würfel 1 = 6" unabhängig?

Probiere es im freien Spiel. P(Summe 7) = 6/36 = 1/6, und gegeben Würfel 1 = 6 passt nur (6,1): 1/6. Gleich, also ja!

Ist der Ergebnisraum hier immer 36?

Für zwei Würfel ja: 6 Möglichkeiten für Würfel 1 mal 6 für Würfel 2. Jedes Feld ist ein geordnetes Paar.

Was ist bedingte Wahrscheinlichkeit?

Manchmal bekommen wir vor dem Raten eine Zusatzinformation. Diese Information ist ein Ereignis B, das schon eingetreten ist. Dann ist jedes Ergebnis außerhalb von B jetzt unmöglich. B wird zum neuen Ergebnisraum (die Liste aller möglichen Ergebnisse).

Die Chance auf A gegeben B schreibt man P(A|B). Den Strich "|" liest man als "gegeben".

P(A|B) = P(A ∩ B) ÷ P(B), wobei P(B) ≠ 0.

Bei gleich wahrscheinlichen Ergebnissen kannst du einfach zählen: P(A|B) = n(A ∩ B) ÷ n(B).

Eigenschaften der bedingten Wahrscheinlichkeit

Multiplikationssatz der Wahrscheinlichkeit

Multipliziere beide Seiten der Definition mit P(B). Du erhältst den Multiplikationssatz:

P(A ∩ B) = P(B) · P(A|B) = P(A) · P(B|A)

Nutze ihn, wenn Dinge nacheinander passieren, zum Beispiel beim Ziehen von zwei Karten ohne Zurücklegen der ersten. Erste Chance × Chance für die zweite, gegeben die erste.

Für drei Ereignisse: P(A ∩ B ∩ C) = P(A) · P(B|A) · P(C|A ∩ B).

Unabhängige Ereignisse

A und B sind unabhängig, wenn das Wissen über das eine nichts über das andere verrät: P(A|B) = P(A) (und P(B|A) = P(B)).

Setzt du das in den Multiplikationssatz ein, erhältst du den Test: P(A ∩ B) = P(A) · P(B).

Unabhängig ist nicht dasselbe wie unvereinbar

Unvereinbar (sich gegenseitig ausschließend) heißt: A und B können nicht zusammen eintreten, P(A ∩ B) = 0. Unabhängig heißt: Sie beeinflussen sich nicht. Haben beide eine Chance größer als null, können sie nicht beides sein: Tritt A ein, wird ein unvereinbares B unmöglich, die Nachricht hat B also klar verändert.

Probier es zu Hause aus

Nimm 10 Karten mit den Zahlen 1 bis 10. Rate die Chance, dass eine Karte größer als 6 ist (es sind 4/10). Jetzt schaut ein Freund nach und sagt: "Sie ist gerade." Nimm die ungeraden Karten weg. Es bleiben nur 2, 4, 6, 8, 10, und 8 und 10 sind größer als 6: 2/5. Dieselbe Zahl 0,4! Hier sind "größer als 6" und "gerade" also unabhängig. Probiere "größer als 5" und sieh, wie sich die Chance ändert.

Wichtige Formeln und Definitionen

Gelöste Beispiele

1. P(A) = 0.6, P(B) = 0.5 und P(A ∩ B) = 0.2. Berechne P(A|B) und P(B|A).

Schritt 1: P(A|B) = P(A ∩ B)/P(B) = 0.2/0.5 = 0.4. Schritt 2: P(B|A) = P(A ∩ B)/P(A) = 0.2/0.6 = 1/3. Hinweis: Die beiden Ergebnisse sind verschieden.

2. Zwei faire Würfel werden geworfen. Wie groß ist die Chance, dass die Augensumme 8 ist, gegeben dass der erste Würfel eine gerade Zahl zeigt?

Schritt 1: B = erster Würfel gerade → 3 × 6 = 18 Ergebnisse. Schritt 2: A ∩ B = (2,6), (4,4), (6,2) → 3 Ergebnisse. Schritt 3: P(A|B) = 3/18 = 1/6.

3. Eine Familie hat zwei Kinder. Gegeben, dass mindestens eines ein Mädchen ist, wie groß ist die Chance, dass beide Mädchen sind?

Schritt 1: Alle Fälle: MM, MJ, JM, JJ (gleich wahrscheinlich; M = Mädchen, J = Junge). Schritt 2: B = mindestens ein Mädchen → MM, MJ, JM (3 Fälle). Schritt 3: A ∩ B = MM (1 Fall). Schritt 4: P = 1/3 (nicht 1/2!).

4. In einer Schachtel liegen 5 rote und 3 blaue Stifte. Zwei Stifte werden nacheinander ohne Zurücklegen gezogen. Wie groß ist die Chance, dass beide rot sind?

Schritt 1: P(erster rot) = 5/8. Schritt 2: Jetzt sind es 4 rote von 7: P(zweiter rot | erster rot) = 4/7. Schritt 3: Multiplikationssatz: 5/8 × 4/7 = 20/56 = 5/14.

5. Aus einem Kartenspiel mit 52 Karten werden nacheinander drei Karten ohne Zurücklegen gezogen. Wie groß ist die Chance, dass alle drei Könige sind?

Schritt 1: P(K1) = 4/52. Schritt 2: P(K2 | K1) = 3/51. Schritt 3: P(K3 | K1 ∩ K2) = 2/50. Schritt 4: Multiplizieren: 4/52 × 3/51 × 2/50 = 24/132600 = 1/5525.

6. Ein Würfel wird geworfen. E = "Vielfaches von 3", F = "gerade". Sind E und F unabhängig?

Schritt 1: E = {3, 6}, P(E) = 1/3. F = {2, 4, 6}, P(F) = 1/2. Schritt 2: E ∩ F = {6}, P(E ∩ F) = 1/6. Schritt 3: P(E)·P(F) = 1/3 × 1/2 = 1/6 = P(E ∩ F). Also ja, sie sind unabhängig.

7. A löst eine Aufgabe mit Chance 1/2 und B mit Chance 1/3, jeder allein (unabhängig). Wie groß ist die Chance, dass die Aufgabe gelöst wird?

Schritt 1: P(A scheitert) = 1/2, P(B scheitert) = 2/3. Schritt 2: Beide scheitern (unabhängig): 1/2 × 2/3 = 1/3. Schritt 3: Gelöst = 1 − 1/3 = 2/3.

8. P(A) = 0.3, P(B) = 0.4, und A, B sind unabhängig. Berechne P(A ∪ B) und P(A′ ∩ B′).

Schritt 1: P(A ∩ B) = 0.3 × 0.4 = 0.12. Schritt 2: P(A ∪ B) = 0.3 + 0.4 − 0.12 = 0.58. Schritt 3: P(A′ ∩ B′) = 1 − P(A ∪ B) = 0.42 (Probe: 0.7 × 0.6 = 0.42 ✓).

Häufige Fehler

Übungsquiz

1. P(A|B) ist gleich:
2. Wenn A und B unabhängig sind, ist P(A ∩ B) =
3. P(A) = 0.5, P(B) = 0.4, P(A ∩ B) = 0.2. Dann ist P(A|B) =
4. Zwei Karten ohne Zurücklegen gezogen. Chance, dass beide Asse sind:
5. P(B|B) ist immer:

Üben: Beantworte diese selbst

Tippe oder wähle deine Antwort und drücke dann Prüfen. Nutze einen Tipp, wenn du nicht weiterkommst; die ganze Lösung erscheint nach deiner Antwort.

Häufig gestellte Fragen

Was ist bedingte Wahrscheinlichkeit einfach erklärt?

Es ist die Chance auf ein Ereignis, wenn du schon weißt, dass ein anderes Ereignis eingetreten ist. Du verkleinerst die Liste der Ergebnisse auf das bekannte Ereignis und zählst neu.

Wie prüfe ich, ob zwei Ereignisse unabhängig sind?

Bestimme P(A), P(B) und P(A ∩ B). Ist P(A ∩ B) gleich P(A) × P(B), sind sie unabhängig. Sonst sind sie abhängig.

Kommt bedingte Wahrscheinlichkeit in der Oberstufe und im Abitur vor?

Ja. In der Stochastik der Oberstufe gehören bedingte Wahrscheinlichkeit, Multiplikationssatz, Unabhängigkeit, der Satz von der totalen Wahrscheinlichkeit und der Satz von Bayes dazu. Die beiden letzten behandelt die nächste Lektion.

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