Was ist eine Adaption?
Eine Adaption ist ein neues Werk, das eine Geschichte, Figuren oder Ideen aus einem älteren Werk (der Vorlage) nimmt und sie in einem anderen Medium neu erzählt. Ein Medium ist die Form, in der eine Geschichte erzählt wird: gedrucktes Buch, Film, Theaterstück, Hörspiel, Comic, TV-Serie, Computerspiel.
- Roman → Film: die häufigste Art.
- Theaterstück → Film: Von Shakespeares Stücken gibt es hunderte Verfilmungen.
- Epos → TV-Serie oder Comic: Das Ramayana und das Mahabharata wurden im Fernsehen und in Bilderbüchern erzählt.
- Film → Buch: Ein Roman zum Film (Novelisation) geht den umgekehrten Weg.
- Buch → Spiel: Die spielende Person trifft jetzt Entscheidungen in der Geschichte.
Eine Adaption ist keine Kopie. Sie ist ein neues Werk mit eigenen Machern und eigenen Entscheidungen.
Warum sich Geschichten mit dem Medium ändern
Jedes Medium hat andere Mittel und andere Grenzen:
- Buch: nur Worte, aber es kann in den Kopf einer Figur schauen und 50 Seiten für einen einzigen Tag brauchen.
- Film: Bilder, Ton, Musik, Gesichter der Schauspieler, Kamerawinkel und Schnitt, aber meist nur etwa 2 Stunden.
- Bühne: Schauspieler live an einem Ort; große Schlachten oder Seereisen müssen angedeutet statt gezeigt werden.
- Comic: Bildkästen und Sprechblasen; zwischen den Bildern springt die Zeit.
- Spiel: Die spielende Person handelt; die Geschichte kann sich verzweigen.
Darum trifft der Adaptierende vier Arten von Entscheidungen: streichen (Szenen oder Figuren weglassen), zusammenfassen oder verschmelzen (zwei Figuren werden eine), ändern (neues Ende, neuer Schauplatz) und hinzufügen (eine neue Szene, die zeigt, was das Buch nur sagte). Innere Gedanken werden zu einem Voice-over, einer Nahaufnahme des Gesichts oder zu Musik.
Werktreue, lockere und freie Adaptionen
Kritiker ordnen eine Adaption oft auf einer Skala der Werktreue ein (wie nah sie an der Vorlage bleibt):
- Werktreu: behält Handlung, Schauplatz und die meisten Dialoge.
- Locker: behält die Hauptgeschichte und die Figuren, ändert aber viele Teile.
- Frei oder übertragen: versetzt die Geschichte in eine neue Zeit, an einen neuen Ort oder in eine neue Kultur. Beispiel: Bride and Prejudice (2004) verlegt Jane Austens Roman nach Amritsar.
Werktreu zu sein ist nicht automatisch besser. Eine gute Adaption wird danach beurteilt, ob sie im neuen Medium funktioniert und welche neue Bedeutung sie bringt. Der Einfluss wirkt außerdem in beide Richtungen: Filme führen Leser zurück zu Büchern, und Filmtechniken (schnelle Schnitte, Rückblenden) prägen, wie moderne Romane geschrieben werden.
Wie man Buch und Adaption vergleicht
- Fasse beide zusammen, je in 3 Sätzen.
- Liste die Änderungen auf: Was wurde gestrichen, verschmolzen, geändert oder hinzugefügt?
- Frage nach dem Warum: Zeitlimit, Medium, Publikum, Epoche, Budget, Botschaft?
- Schau auf die Mittel: Wie zeigt der Film, was das Buch in Worten sagte (Kamera, Musik, Farbe, Schauspiel)?
- Beurteile die Wirkung: Macht die Änderung das Thema stärker, schwächer oder anders?
Selbst gestalten: Wähle eine Kurzgeschichte, wähle ein Medium und schreibe eine Szene als Drehbuch oder als Comic mit 6 Bildern. Entscheide, was du streichst und was du zeigst, statt es zu erzählen.
Probier es aus
Wähle eine Geschichte, die du in zwei Formen kennst (Buch und Film, oder Epos und TV-Serie). Zeichne eine Tabelle mit vier Spalten: Gestrichen · Verschmolzen · Geändert · Hinzugefügt. Fülle mindestens zwei Zeilen. Schreibe dann einen Satz: Die größte Änderung ist … weil …. Stelle im 3D den Freiheits-Regler passend zu deiner Einschätzung ein.
Wichtige Formeln und Definitionen
- Vorlage = das Originalwerk; Adaption = das neue Werk in einem neuen Medium
- Medium = die Form des Erzählens: Buch, Film, Bühne, Comic, Serie, Spiel, Hörfunk
- Vier Entscheidungen beim Adaptieren: streichen · verschmelzen/kürzen · ändern · hinzufügen
- Skala der Werktreue: werktreu → locker → frei (übertragen)
- Übertragung (Transposition) = eine Geschichte in eine neue Zeit, an einen neuen Ort oder in eine neue Kultur versetzen
- Voice-over = eine Stimme, die im Film die Gedanken einer Figur erzählt
- Novelisation = ein Buch, das aus einem Film entsteht (umgekehrte Adaption)
Gelöste Beispiele
1. Ein Roman mit 600 Seiten hat 40 Figuren. Der Film dauert 2 Stunden. Nenne zwei Entscheidungen, die der Drehbuchautor wahrscheinlich trifft.
Er streicht Nebenfiguren und Nebenhandlungen und verschmilzt einige Figuren zu einer. Der Film kann 40 Personen in 2 Stunden keine Leinwandzeit geben, also behält er die, die die Haupthandlung tragen.
2. Im Buch denkt der Held zwei Seiten lang darüber nach, ob er seinem Bruder verzeihen soll. Wie kann ein Film das ohne Worte zeigen?
Mit einer langen Nahaufnahme des Gesichts, einer Rückblende auf eine Kindheitserinnerung der Brüder, langsamer Musik oder einem Voice-over. Jedes Mittel macht aus dem inneren Gedanken etwas, das wir sehen oder hören.
3. Ist Maqbool (2003) eine werktreue, lockere oder freie Adaption von Macbeth? Begründe.
Frei (übertragen). Der Kern der Geschichte über Ehrgeiz und Schuld bleibt, aber sie wird vom mittelalterlichen Schottland in die moderne Unterwelt von Mumbai verlegt, mit neuen Namen und anderer Sprache.
4. Schreibe einen Vergleichssatz über eine Adaption nach dem Muster 'Änderung + Grund + Wirkung'.
Beispiel: Der Film fügt eine Schlussszene am Fluss hinzu (Änderung), weil ein Film ein starkes Schlussbild braucht (Grund), wodurch das Thema Vergebung hoffnungsvoller wirkt als im Buch (Wirkung).
Häufige Fehler
- Zu sagen 'das Buch ist immer besser', ohne Gründe zu nennen. Beurteile jedes Werk in seinem eigenen Medium.
- Nur Unterschiede aufzulisten. Erkläre immer, WARUM etwas geändert wurde und welche WIRKUNG das hat.
- Zu denken, eine werktreue Adaption sei automatisch gut und eine freie schlecht.
- Zu vergessen, dass Filme ihre eigene Sprache (Kamera, Ton, Schnitt) benutzen, um zu sagen, was Bücher in Worten sagen.